Die Zukunft des Formularwesens

Wenn es eine Konstante gibt in der Geschichte des DG VERLAGES, dann sind es Formulare. Vor 100 Jahren wurde das Unternehmen als Formularverlag für Genossenschaften gegründet, bis heute spielen die Vorlagen für Willenserklärungen eine wichtige Rolle und tragen wesentlich zur Wertschöpfung bei. Doch auch wenn das Thema gleich geblieben ist: Die Inhalte heute haben kaum noch etwas mit den Anfängen zu tun. Zwar gibt es vereinzelt immer noch die klassischen Ausfüllformulare zum Ausdrucken und Unterschreiben, längst sind jedoch die elektronischen Formulare Standard im Bankgeschäft. Und das bringt Herausforderungen mit sich: Der DG VERLAG muss nicht nur in kürzester Zeit die vielfältigen Gesetzesänderungen und regulatorischen Bedingungen aus Brüssel und Berlin in die Formulare einarbeiten – auch regulatorische Sonderthemen wie Datenschutzgrundverordnung und Verbraucherstreitbeilegung führen zu erheblichem Anpassungsbedarf.

Wo die Zukunft des Formularwesens liegen könnte und welche Herausforderungen dabei auf DG VERLAG und Verbund warten, diskutieren Jan Schmidt-Seidl, Partner der Kanzlei lindenpartners, und Jens Berninghaus, Bereichsleiter Medien & Formulare beim DG VERLAG.

Wie beurteilen Sie die Bedeutung von Online-Strecken im Rahmen der Digitalisierungsoffensive des Verbunds?

 

JSS: Die Entwicklung von Online-Strecken, ob für die Beratung oder den Produktabschluss, ist essentiell für die Umsetzung des Omnikanal-Gedankens von KundenFokus. Über ihn ist die Bank 24/7 für den Kunden erreichbar. Der Kunde kann so jederzeit sein Wunschprodukt online über die Webseite, sprich das Online-Banking, abschließen.

JB: Das ist der Kern des Online-Bankgeschäfts, wie es auch auf der Vertriebsplattform der Fiducia & GAD entwickelt wird. Unsere ersten Erfahrungen im Verbund haben wir mit den sogenannten One-and-Done-Prozessen gemacht, für die wir spezielle Formularbündel entwickelt haben, die dann in den jeweiligen Prozess etwa zur Kontoeröffnung eingebunden wurden. Seitdem haben wir viel dazugelernt, aber der Streckenprozess selbst ist mittlerweile fest etabliert. Eine Online- Strecke ist das erstrebenswerte Ideal, aber noch gibt es viele Medienbrüche im Vertragsabschluss bei den Banken, indem an einem bestimmten Prozesspunkt doch wieder etwas ausgedruckt und per Post verschickt werden muss. Dass sich dies künftig alles digital „aus einem Guss“ erledigen lässt, daran arbeitet der DG VERLAG zusammen mit dem BVR und der Fiducia & GAD mit Hochdruck.


 

Was ist für Sie das Alleinstellungsmerkmal der Formulare des DG VERLAGES?


JB: Für uns sind Formulare vor allem immer erst mal Verträge und nicht etwa nur Ausfüllmasken am Bildschirm. Sie erfüllen die rechtliche Anforderung der Dokumentation des Vertragsabschlusses, was übrigens für uns ein Kern des Formulars ist. Damit ist seine Bedeutung und Funktion immer vorhanden, egal in welcher Form es angeboten wird.

JSS: Für mich ist ein Formular in Zukunft noch mehr: Ich denke, dass Formularinhalte noch stärker als bislang modular unmittelbar in die Abschlussstrecken integriert werden können. Letztlich ist die Online-Abschlussstrecke die Visualisierung der einzelnen Schritte hin zum Abschluss des Produktvertrages, dem der Kunde mal mit „Unterschrift“ durch qualifizierte elektronische Signatur, mal mit Bestätigung durch TAN-Eingabe im geschützten Bereich des Online-Banking zustimmt. Auf ein Vertragsformular wird man gleichwohl nie verzichten können. Es wird auch künftig seine gesetzlichen Funktionen wie Abschrifts- und Dokumentationsfunktion oder den Zweck des Nachweises der dauerhaften Bereitstellung von Information weiter erfüllen.

JB: Dem kann ich nur zustimmen: Künftig ist der Vertragsabschluss ein gut aufbereitetes Formular in einem nutzerfreundlich gestalteten digitalen Prozess.

Welche Bedeutung haben Usability und Individualisierung in diesem Zusammenhang?

 

JSS: Unbedingt eine sehr große! Das sind die Kunden ja auch von anderen Lebensbereichen her gewöhnt. Allerdings macht es einem die Vielzahl an Informationspflichten nicht immer leicht, den Prozess nutzerfreundlich zu gestalten. Nutzerfreundlichkeit b deutet für mich darüber hinaus aber auch mal zu überlegen, welche persönlichen Daten ich vom Kunden wirklich beim Abschluss benötige und ob ich den Produktprozess immer mit vertrieblich motivierten Erklärungen überfrachten muss. Diese kann man durchaus später auch mit deutlich geringerem „Lästigkeitsfaktor“ einholen, etwa in Gestalt einer Nutzersteuerung.

JB: Individualisierung bildet schon heute den Kern unseres Formulargeschäfts. Wir bekommen sehr viele Anfragen von Banken nach bankindividuellen Formularen. Außerdem kommen laufend große Genobanken und die Unternehmen der Genossenschaftlichen FinanzGruppe auf uns zu, um unsere Dienstleistungen individuell in Anspruch zu nehmen.

"Eine Online-Strecke ist das erstrebenswerte Ideal."

Was sind Ihrer Meinung nach die „Megatrends“ im Formularwesen des Verbunds?


JB: Ganz klar: die vollständige Digitalisierung der Vertragsprozesse und die Integration in die Vertriebsplattform. Außerdem die bereits genannte Modularisierung von Vertragsbestandteilen. Unser Vertrags-Know-how können wir darüber hinaus auch in Themen wie „Smart Contracts“, also Computerprotokollen zur Abbildung und Abwicklung von Verträgen, einbringen, die heute noch nicht so sehr im Fokus des Verbunds liegen. Wobei der Anspruch an unsere Formularlogik übrigens schon immer recht hoch war und wir weiter täglich viel dafür tun, dass die Formulare auch in Zukunft „smart“ bleiben!

JSS: Dem stimme ich zu – die Verknüpfung von Vertrag und Produktion könnte hier ein Anwendungsbereich für „Smart Contracts“ sein, die wir im Verbund heute schon im Blick haben sollten.