Das Ende der Routine ist nicht das Ende der Arbeit.

Futurist: was ist das eigentlich?

Auf Deutsch würde man sagen: Zukunftsforscher – das Wort klingt mir allerdings zu akademisch, deshalb sage ich lieber „Futurist“. Geworden bin ich das eher zufällig. Nachdem ich mein Theologiestudium abgebrochen hatte, bin ich als Musiker in die USA gegangen, dort habe ich Jazz und Gitarre gespielt. In den 1990er-Jahren habe ich dann ein digitales Internetprojekt entwickelt, etwas ähnliches wie heute Spotify. Das war damals allerdings noch viel zu früh, es gab ja noch keine Smartphones, kein Streaming. So habe ich gemerkt: Ich bin besser darin zu verstehen, was kommen wird, als es selbst in ein Projekt umzuwandeln.

 

Und was machen Sie konkret?

Die Herausforderung als Futurist ist, die Trends zu sehen. Das ist keine Zauberei, sondern ich rede viel mit Menschen, lese, bilde mich ständig weiter. Ich versuche zu erkennen: Was passiert in den nächsten fünf, sieben, zehn Jahren? Was ist wahrscheinlich?

 

Sie beschäftigen sich vor allem mit dem Verhältnis von Mensch und Technologie. Ist das eher ein Miteinander oder ein Gegeneinander?

Es ist nie so, dass Technologie grundsätzlich gut oder schlecht ist – es kommt darauf an, wie wir sie nutzen. Entscheidend ist, wie wir noch Mensch bleiben können. Wir dürfen uns nicht von Geräten regieren oder von sozialen Medien manipulieren lassen.

 

Das klingt gut, scheint aber spätestens bei Künstlicher Intelligenz schwierig zu werden. Wie sehen Sie dieses Thema?

Also erstmal: Künstliche Intelligenz ist kein gutes Wort für das, was es wirklich ist – Algorithmen sind nicht intelligent. Menschliche Intelligenz besteht aus 15 verschiedenen Dimensionen, darunter emotionale und soziale Intelligenz. Und keine davon ist etwas, das Maschinen können. Maschinen sind gut bei der Datenauswertung und bei der Verknüpfung von vielen Informationen, aber intelligent im eigentlichen Sinne ist das nicht.

 

Wann wird es denn kritisch?

Die Technologie wird exponentiell mächtig, weil sie immer billiger und besser wird. Vor zehn Jahren hätte vieles noch gar nicht funktioniert. Wenn wir zehn Jahre in die Zukunft schauen, haben wir 10G-Netzwerke, mehr Batterieleistung, die immer billiger wird, die Cloud und zehn Milliarden Menschen im Internet. Was passiert, wenn wir das nicht so organisieren, dass etwas Gutes daraus entsteht?

 

Wie könnte das aussehen?

Wir müssen entscheiden, welche Dinge wir Maschinen überlassen wollen. Wollen wir es bei einem Vorstellungsgespräch mit einem virtuellen Personalchef zu tun haben? Unser Gesicht in eine Kamera halten, die genau analysiert, welche Gefühlsregungen wir zeigen? In China in gibt es schon eine Gesichtserkennung, die erkennt, ob ein Schüler konzentriert ist oder nicht. Da wird es kritisch, finde ich.

 

Aber kann man überhaupt etwas gegen solche Entwicklungen tun?

Ja, sowohl die Politik als auch jeder einzelne. Wir müssen dringend regeln, was wir wollen, wie wir es wollen und wie wir dahinkommen. Wir können nicht einfach alles machen, was geht, nur weil es geht. Wir müssen sagen: Wenn Radio und Fernsehen und Banken reguliert sind, dann müssen wir auch Social Media und Künstliche Intelligenz regulieren. Wir können nicht sagen: Das wird sich schon von allein klären.

Ich bin im vergangenen Jahr bei Facebook ausgestiegen, weil es für mich ein unethisches Unternehmen geworden ist. Und ich muss auch nicht jedes Mal, wenn ich mit der Familie ausgehe, das Handy auf den Tisch legen. Manchmal sollte man sich einfach verweigern und sagen: Da mache ich nicht mit.

 

Und was müsste die Politik tun? Meistens geht es ja um internationale Themen.

Wir haben es geschafft, nukleare Energie mehr oder weniger zu kontrollieren. Ich glaube, dass wir das auch mit Themen wie der Künstlichen Intelligenz schaffen können. Ich befürchte allerdings, dass das nicht ohne gravierende Zwischenfälle funktionieren wird – hoffentlich nicht physisch, sondern digital. Aber wir Menschen reagieren eben erst dann, wenn etwas passiert.

 

Wie sieht es denn mit der Zukunft unserer Arbeitsplätze aus?

Derzeit werden vor allem die Routinen automatisiert, die durchschnittlich die Hälfte unserer Aufgaben ausmachen. Das wird für viele Menschen eine radikale Veränderung ihrer Arbeit bedeuten – wenn Ihre Arbeit zu 90 Prozent Routine ist, dann ist Ihr Job irgendwann weg. Aber die Digitalisierung wird auch ganz neue Jobs schaffen, das Ende der Routine ist nicht das Ende der Arbeit.

 

Was heißt das konkret?

Es gibt Studien, die sagen: 70 bis 80 Prozent aller Jobs, die es 2030 geben wird, sind noch gar nicht erfunden. Heute arbeiten 21 Millionen Menschen im Social Media-Bereich, diese Aufgaben waren vor zehn Jahren noch völlig unbekannt. Ich bin nicht so pessimistisch zu sagen, dass weniger Menschen gebraucht werden.

 

Was bedeuten diese Entwicklungen für unsere Gesellschaft?

Wir müssen uns umstellen: Alles, was Routine und Logik ist, kann irgendwann von Maschinen gemacht werden. Deswegen müssen wir schon in Schule und Ausbildung Aspekte wie Vorstellungskraft, Fantasie, Kreativität, Verhandlungsfähigkeit, emotionale Intelligenz stärken – all das werden Computer noch lange Zeit nicht können, das müssen unsere Kinder unbedingt lernen.

 

Wie kann sich jeder einzelne auf die Zukunft einstellen?

Wir müssen alle lernen, ständig Neues hinzuzulernen. Man muss immer gucken: Was liegt direkt neben meinem aktuellen Job? Was könnte ich vielleicht morgen machen?

 

Wenn Sie an die Zeit in 100 Jahren denken, was sehen Sie?

100 Jahre? Das ist nicht vorauszusagen. Wir sind gerade in der Phase, in der es wirklich schwierig ist, langfristige Vorhersagen zu treffen – ich arbeite normalerweise mit einem Zeitraum von fünf bis sieben, vielleicht zehn Jahren. Also: In den nächsten zehn Jahren werden wir Quantum Computing haben und vermutlich in der Lage sein, zum Mars zu fliegen. Die Umstellung von fossilen Brennstoffen auf nachhaltige wird kommen und digitales Geld. Um das Jahr 2050 könnten wir soweit sein, dass wir technologisch in der Lage sind, fast alles zu machen, was wir machen wollen. Aber: 100 Jahre in die Zukunft sehen, das kann niemand.

Weitere Informationen zu Gerd Leonhard gibt es auf gerdleonhard.de