Zahlen bitte! Aber wie?

"Zahlungsverkehr war nie ein Begriff, den der Kunde verwendet hat."

Dr. Andreas Martin, Vorstandsmitglied des
Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken
und Raiffeisenbanken (BVR)

Herr Dr. Martin, Zahlungsverkehr – 100 Jahre weiter?

Ehrlich gesagt, traue ich mir hier keine Langfristprognose zu. Die Innovationszyklen verkürzen sich auch in diesem Bereich rasant. Ging es in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts noch darum, Lohntüten durch Gehaltskonten zu ersetzen, in den 70ern und 80ern noch darum, Geldautomaten und eurocheque- Karten einzuführen, in den 90ern, das Online-Banking populär zu machen, drehen sich heute alle Fragen zum Zahlungsverkehr rund um die sogenannte Kundenschnittstelle.


Ist Zahlungsverkehr dann überhaupt noch ein passender Begriff?

Zahlungsverkehr war nie ein Begriff, den der Kunde verwendet hat, sondern ein Begriff von uns Bankern. Und innerhalb der Bank nicht ein Begriff des Vertriebs, sondern der Organisatoren. Für den Kunden steht eigentlich immer das Konto als Drehscheibe des Zahlungsverkehrs im Mittelpunkt. Und damit auch das wichtigste Zugangsmedium zum Konto, die girocard. „Karte – Konto – Kunde“, so hieß nicht zufällig ein Slogan, der die Bedeutung des elektronischen Kontozugangs verdeutlichen sollte.

 

Gilt der Slogan denn weiterhin?

Die Transaktionszahlen der girocard sprechen eine eindeutige Sprache, sie wachsen im Moment mit immerhin knapp 20 Prozent. Ein wichtiger Schlüssel hierfür war die Platzierung der girocard als universelles Zugangsinstrument zu Bargeld, Kontoauszügen, elektronischen Schließfächern usw. ebenso wie zur elektronischen Bezahlung an der Ladenkasse. Nicht zuletzt ist hier auch die Funktion des Sicherheitsinstruments im Rahmen der TAN-Generierung für das Online-Banking zu nennen. Der DG VERLAG hat dies mit der Entwicklung verschiedener Generationen von TAN-Generatoren sehr aktiv unterstützt.

 

Ist die Plastikkarte am Ende ihres Lebenszyklus angekommen?

Die weltweit genormte Plastikkarte als Formfaktor war ein Schlüssel für die Akzeptanz bei Banken, Geräteherstellern, im Handel und bei Kunden. Natürlich hat längst auch die digitale Variante im Smartphone Einzug gehalten. Diese basiert aber auf den gleichen Standards der Chiptechnologie und der Datenübertragung durch Near Field Communication. Angelehnt an den Automobilbereich würde ich formulieren, dass dieser hybride Ansatz für die nächsten Jahre einerseits eine hohe Einsatzsicherheit, andererseits aber auch eine gute Innovationsfähigkeit bietet.

 

Zurück zur Kundenschnittstelle. Sie sei für die Banken in Gefahr, heißt es oft.

Sie ist tatsächlich aus zwei Richtungen in Gefahr: Zum einen ermöglichen neue Technologien, dass sich spezialisierte Anbieter, sogenannte FinTechs, zwischen Banken und ihre Kunden schieben. Politisch wird dies ausdrücklich unterstützt, etwa durch die europäische PSD2-Richtlinie. Hier ist es an uns, entsprechende Mehrwertleistungen selbst zu entwickeln bzw. in unser Banking-App-Angebot zu integrieren. Zum anderen
haben alle weltweiten Plattformen den Zahlungsverkehr als „Datenlieferanten“ entdeckt. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass hiermit eine andere Kalkulation verbunden wird: Nicht die Erzielung von Deckungsbeiträgen aus dem Zahlungsverkehr selbst, sondern aus den gewonnenen Daten steht bei diesen Anbietern im Vordergrund.

 

Sollten die Genossenschaftsbanken selbst zur Datenplattform werden?

Ich denke, hier sind wir ganz klar unseren genossenschaftlichen Werten verpflichtet. Wir handeln im Interesse unserer Mitglieder und pflegen ihnen gegenüber vollständige Transparenz über den Umgang mit ihren Daten. Wir müssen natürlich auf der politischen Ebene einfordern, dass das sogenannte Open Banking keine Einbahnstraße bleibt: Warum dürfen Banken im Kundenauftrag nicht auch auf Kundendaten bei weltweiten Plattformen zugreifen, um Mehrwerte anbieten zu können? Hier braucht es eine neue Ordnungspolitik, die der vernetzten Gesellschaft Rechnung trägt und fairen Wettbewerb zwischen „alten“ und „neuen“ Anbietern ermöglicht.

 

Geht es künftig noch um Mitglieder oder Kunden? Oder nur noch um „Dinge“?

Das „Internet of things“ wird sicher den Lebensalltag in den nächsten 100 Jahren massiv beeinflussen. Selbst bestellende und bezahlende Kühlschränke sind genauso technisch möglich wie Heizungskreisläufe, die auf einer Blockchain basierend automatisch abrechnen. Die Frage an die Menschen wird sein, ob das technisch Mögliche auch immer das Erstrebenswerte ist. Technologie darf meines Erachtens kein Selbstzweck sein. Unsere Aufgabe sollte es sein, unseren Mitgliedern und Kunden eine Lösung für bestimmte Bedürfnisse immer möglichst technologieneutral anzubieten.

 

 

Also braucht es den Zahlungsverkehr in jedem Fall weiterhin?

Im technischen Sinne der Verrechnung von Gegenwerten wird es weiterhin Zahlungsverkehrssysteme benötigen. Hier haben wir ja gerade auch als Genossenschaftliche FinanzGruppe stark in das Angebot von Instant Payments, also Zahlungen innerhalb Europas in Echtzeit, investiert. Das gibt mir Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass gern die großartige operative Leistung der Kreditwirtschaft übersehen wird, an 365 Tagen im Jahr Milliarden von Transaktionen im Wert von Milliarden Euro zuverlässig und sicher abzuwickeln. Diese Kernkompetenz wird weiter gefragt sein. Wenn wir uns darüber hinaus darauf konzentrieren, unseren Mitgliedern und Kunden den bequemsten Zugang zu ihren Finanzen zu ermöglichen, und zwar auf allen Kanälen und konsequent an ihren eigenen Interessen orientiert, dann schaue ich optimistisch in die nächsten 100 Jahre Zahlungsverkehr.

„Die Karte als bewährtes und dem Kunden vertrautes Medium wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen.“

Digitale Karten

Aber nicht nur physisch, sondern auch digital haben die Genossenschaftsbanken alle Karten in der Hand. So hatte es die Genossenschaftliche FinanzGruppe als erste Bankengruppe in Deutschland geschafft, im August 2018 ihren Kunden das mobile Bezahlen über sämtliche ihrer Kartenprodukte zu ermöglichen. Zu Beginn des Marktstarts wurden NFC-fähige Android-Smartphones unterstützt, seit Frühjahr 2020 können auch mit Apple Pay iOS-Endgeräte genutzt werden. Erfreulich ist, dass die Anzahl der teilnehmenden Banken und die Bestellungen an digitalen Karten kontinuierlich ansteigen. Ebendiese digitalen Karten ermöglichen weitergehende technische Innovationen und gesteigerten Bedienungskomfort, die mit der physischen Karte nicht umsetzbar wären – etwa die Authentifikation mittels biometrischer Merkmale über das Smartphone oder bei App-Zahlungen. Die Sicherheitstechnologie der digitalen Karten für die Android Smartphones stellt der DG VERLAG bereit. Bei dieser als Host Card Emulation, kurz HCE, bezeichneten Technologie bleibt ein Teil der Kartendaten auf dem abgesicherten digitalen Kartenpersonalisierungssystem, während ein anderer Teil die Banking-App ergänzt. Zum eigentlichen Bezahlen werden verschlüsselte Einmal-Token erzeugt, die sich der Kunde nach Verbrauch aus den Systemen des DG VERLAGES nachladen muss. Mit dem inzwischen breiten Angebot an digitalen Karten können die Genossenschaftsbanken sich gut im Wettbewerb behaupten und haben die Chance, ihren Kunden eine s wohl innovative als auch prestigeträchtige Bezahlmöglichkeit anzubieten. Für den DG VERLAG war und ist es nicht nur ein ambitioniertes Entwicklungsprojekt, sondern aus Unternehmenssicht auch eine gelungene Transformation. Der DG VERLAG agiert als Token-Provider, der auch während der Kartenlaufzeit Serviceleistungen erbringt und damit für das Unternehmen eine Wertschöpfung generiert.


Zukunft mitgestalten

Wie bereits eingangs erwähnt: Wir wissen, dass Menschen gern ihren Gewohnheiten treu bleiben. Sollen sie etwas ändern, brauchen sie einen persönlichen Vorteil. Auch heute ist Bargeld – bei aller Diskussion um die Abschaffung – in Deutschland noch ausgesprochen beliebt, und es wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Genau wie die physische Karte, die für viele Menschen neben allen digitalen Lösungen noch lange b vorzugtes Zahlungsmittel bleiben wird. Gleichzeitig erkennen wir, dass es manchmal e ner Krise bedarf, um eine Änderung der Zahlungsgewohnheiten bei den Kunden, aber auch die nachhaltige Akzeptanz bestimmter Zahlungsprozesse im Handel zu befördern. So wird das Zahlen mit der kontaktlosen und mit der digitalen Karte am Point of Sale in der Coronakrise zum Bezahlmedium der Wahl, und mit der Erhöhung der Limite erweitern und forcieren die Banken den Einsatz. Der DG VERLAG wie auch die Partner in der Genossenschaftlichen FinanzGruppe arbeiten kontinuierlich und intensiv daran, dass entsprechende Innovationen und Anpassungen in den Systemen umgesetzt werden und die kartengestützten Bezahlverfahren allen technischen, regulatorischen und Sicherheitsansprüchen genügen. Dabei unterstützen die Karten- und IT-Experten des DG VERLAGES bei der Erstellung der technischen Spezifikationen, definieren die Sicherheitskonzepte, koordinieren die Test- und Freigabeprozesse und implementieren die Anpassung der Personalisierungsvorgaben für die Raiffeisendruckerei, den konzerneigenen Kartenproduzenten. Letztendlich werden wir als Genossenschaftliche FinanzGruppe mit den Karten – analog oder digital – und dem Zahlungsverkehr insgesamt auf der Erfolgsspur bleiben, wenn wir mit Blick auf die Zukunft immer einen Schritt weiterdenken und den Kundenbedarf aus einer ganzheitlichen Perspektive berücksichtigen. Für die notwendigen Weiterentwicklungen brauchen wir Mut – aber auch Ausda er, denn die Digitalisierung des Bezahlens ist ein Marathon. Und wir vom DG VERLAG haben den Anspruch, ganz weit vorne mitzulaufen.